neidvoll.

Je länger ich in meinem alten Golf an diesem Sonnenmorgen durch die Gegend fuhr und mir und Gott sagte, auf welche Dinge ich in meinem Leben neidisch wäre, wenn ich nicht ich selbst wäre, merkte ich wie die negativen, frustrierten Gedanken abnahmen und ich mich von Kilometer zu Kilometer mehr über das freuen konnte, was in meinem Leben keineswegs selbstverständlich war.

Nach etwa 150 Kilometern voller Neid auf mich selbst fuhr ich zum Tanken auf einen Rastplatz. Ich blubberte vor Glück, tanzte fast. Ein offensichtlich glücklicher Mensch fällt hierzulande auf und erregt Verdacht. Ich wurde von der Polizei angehalten. Sie haben mein Auto nach Drogen untersucht. Dass ich gerade von einem Seminar zurückkam und 1000 Euro Bargeld in kleinen Scheinen dabei hatte, machte mich nicht unbedingt unverdächtiger.

Die Polizisten krempelten mein halbes Auto um, wühlten sich durch Unterwäsche, eine Kasse voller Wechselgeld und eine Kiste voller Bücher und erklärten mir, dass ich ihnen durch mein Verhalten aufgefallen wäre.

Aber ich konnte ihnen ja unmöglich erklären, dass ich gerade 150 km lang neidisch auf mich selbst gewesen und deshalb so glücklich bin, dass ich glaube zu platzen – das hätte wohl die Einweisung in psychiatrische Behandlung zur Folge gehabt. Ich fuhr – vor mich hin kichernd und grinsend – noch etwa 50 Kilometer weiter. Dann ging mir langsam aber sicher der Stoff für den Neid auf mich selbst aus.
kerstin hack, neidisch auf sich selbst
siehe auch:
schillerglatzen, goethelocken.  • miristschlecht.  • neurotheologie.  • seinetwegenstraßenfegen.  • wisst Ihr, er ist wild. nicht so wie ein zahmer.  • kernderbotschaft.  • diversity.

Der Beitrag wurde am Sonntag, den 17. Dezember 2006 um 22:05 Uhr veröffentlicht und wurde unter art de vivre., bonmots., confiance. abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.


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