dreiundfünfzig.

“Der Fluch der verflixten 53 ist gebrochen” von Kerstin Becker

Lotto-Fieber in Italien: Erst nach 182 Ziehungen wird die Zahl ausgelost - Tausende Spieler gewinnen, unzählige ruinierten sich zuvor

Rom - “53″, sagte der Aufsichtsbeamte am Mittwoch um 20.17 Uhr, und nur das kleine Mädchen mit den verbundenen Augen, das die Kugel aus dem Glasbehälter gezogen hatte, wunderte sich über den Jubel, den diese nüchterne Feststellung auslöste. 182 Ziehungen lang, seit dem 10. Mai 2003, hatte die Zahl 53 im Venedig-Spiel der italienischen Lottogesellschaft auf sich warten lassen und dadurch eine kollektive Krankheit ausgelöst - ansteckend wie ein Grippe-Virus, vernichtend wie ein Krebstumor. Auf dem Höhepunkt des Wettfiebers wurden täglich dramatischere Nachrichten veröffentlicht. Immer mehr Menschen ruinierten sich und ihre Familien, um auf die 53 zu setzen.

Im italienischen Lotto werden nicht “6 aus 49″, sondern “5 aus 90″ gespielt. Die Mitspieler müssen nicht Zahlenreihen erraten. Sie dürfen auch auf eine einzige Zahl wetten. Auf diese Weise heizt der Staat die Wettleidenschaft seiner Bürger noch mehr an. Die Italiener sind die lottoverrücktesten Europäer. 271 Euro gab jeder Einwohner 2004 für staatlich organisierte Wettspiele aus. Als die 53 im Venedig-Spiel seit mehr als hundert Ziehungen auf sich warten ließ, erblickten immer mehr Spieler eine tolle Chance auf einen “fast sicheren” Gewinn - und verzockten sich gewaltig. Bereits im Oktober des vergangenen Jahres schlugen Priester in Neapel Alarm: Ihre Gläubigen hatten begonnen, ihre Waschmaschinen und Autos zu verkaufen, um auf die 53 setzen zu können. Im Dezember nahm eine Hausfrau aus Frosinone eine Hypothek auf ihr Haus im Wert von 50 000 Euro auf, setzte alles auf die 53 und verlor.

Im Januar überschlugen sich die Ereignisse dramatisch: Ein Familienvater aus Lucca mußte seine Villa für 220 000 Euro verkaufen: Er hatte sich für die 53 von Woche zu Woche höher verschuldet.

Eine 49jährige Hausfrau wurde verhaftet: Sie hatte nicht gedeckte Schecks im Wert von 50 000 Euro ausgestellt, um auf die 53 setzen zu können. Ein Bankangestellter aus einem Städtchen bei Pavia verlor seinen Job: Er hatte eine Million Euro für die 53er-Wette unterschlagen. Kurz darauf sprang eine 57jährige Hausfrau aus Massa Carrara von einer Meeresklippe in den Tod, nachdem sie einen Abschiedsbrief an den Gatten geschrieben hatte: “Ich habe unser ganzes Vermögen und unsere Altersvorsorge für die 53 verspielt.”

Ein Familienvater aus Florenz richtete aus Verzweiflung über seine Wettschulden, die die Hoffnung auf die “nunmehr sichere 53″ ihm eingebracht hatte, ein Blutbad an: Er erschoß Frau und Sohn mit einer Magnum 44. Und Woche für Woche ließ die 53 weiter auf sich warten.

An diesem Punkt sah sich sogar Italiens Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco genötigt, seine Landsleute um Vernunft zu bitten. “Benutzt den Kopf, nicht den Bauch beim Lottospielen”, riet er und beschwor eine landesweite Diskussion darüber herauf, welche Mitschuld der Staat am Lottofieber trägt.

4390 Millionen Euro nahm der Fiskus allein an Wettgeldern auf die venezianische 53 ein. Jetzt, nachdem die Zahl endlich gezogen wurde, muß er nur 800 Millionen an mehrere tausend Wettgewinner auszahlen.

ich sach nur: lotto - steuer für menschen mit mathematischer minderbegabung

siehe auch:
lottesmopskotzt.  • gar nicht mehr so weit nach hagen.  • tagebuchtornister.  • individuell, aber schnell & biggedibonduelle.  • wir wären doch bescheuert.  • komorbiditäten.  • fieselschweif.

Der Beitrag wurde am Freitag, den 11. Februar 2005 um 11:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter art de vivre. abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.


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